Hier schreibt Hanna.

Sorgenentsorgung

Vor Kurzem fuhr vor mir ein Wagen der Müllabfuhr, auf der Rückseite stand in großen Lettern „Entsorgungsunternehmen“. Zum ersten Mal fiel mir auf, dass das Wort „Sorge“ in Entsorgung steckt – vielleicht war es selektive Aufmerksamkeit, denn auch wenn ich mich nicht als besorgt beschreiben würde, umtreiben mich in letzter Zeit einige nicht ganz leichte Gedanken.

Wie schön wäre es, wenn ich meine Sorgen, schweren Gedanken und Ängste, einfach eintüten, in eine Tonne werfen und entsorgen könnte? Sogleich fuhr mir der Gedanke an Mülltrennung durch den Kopf – ob man Sorgen auch sortieren sollte und wenn ja, nach welchem System? Gibt es Restsorgen, Biosorgen und Sondersorgen? Was ist mit Pfand – gibt es ein Belohnungssystem, sodass ich für die Rückgabe meiner Sorgen etwas im Tausch bekomme? Kann ich meine Sorgenmenge reduzieren, so wie ich es beim Müllfasten vor einigen Jahren ausprobiert und auf Einwegverpackungen versucht zu verzichten habe?

Und bedeutet entsorgen wirklich, dass die Sorgen weg sind? Wenn ich ein Entsorgungsunternehmen damit betraue, meinen Müll zu entfernen, ist er zwar außerhalb meines Blickfelds, aber weiterhin existent. Manchmal wird daraus etwas Neues (zum Beispiel Klopapier und somit, wie wir seit der Corona-Pandemie wissen, eine sehr wichtige Ressource), manches wird aber auch nicht so entsorgt, wie ich es mir wünschen würde, und landet zum Beispiel als Elektroschrott auf Deponien in afrikanischen Ländern und wird somit zur Sorge anderer.

Welche Parallelen lassen sich zwischen der Entsorgung von greifbaren Abfällen und meinen oft nicht greifbaren Sorgen ziehen? Fangen wir zunächst beim Wort „entsorgen“ an. Sorge hat zwei Bedeutungsrichtungen: Es bezeichnet zum einen Kummer, Beklommenheit oder eine innere Not, zum anderen bedeutet es Obhut, Verantwortung oder Pflicht. Die Vorsilbe „ent“ weist daraufhin, dass etwas weggenommen oder entfernt wird. Die Entsorgung, alle Bedeutungsebenen eingeschlossen, ist also ein Prozess, der mindestens zwei Personen oder Instanzen involviert, von denen eine Sorge (und ja, auch Müll kann zu einer echten Sorge werden, vor allem, wenn er nicht abgeholt wird, wie ich es in Sierra Leone oft erlebt habe!) hat und diese loswerden möchte. Um sich dieser zu entledigen, delegiert sie die Sorge an zweite. Zweitere nimmt sich der Sorge an und entlässt erstere somit aus der Verantwortung, aber (meistens) nicht aus reiner Nettigkeit, sondern weil sie in der Sorge etwas Wertvolles sieht, aus dem sie einen Gewinn oder Mehrwert erzielen kann – sie hat somit eine andere Perspektive auf die Sorge – oder weil erstere Geld für diese Dienstleistung bezahlt. Die Sorge wechselt also den Besitzer, häufig auch den Ort und wird weniger sichtbar für die erste Person.

Für manche Sorgen, vor allem subtil zerstörerische Mikroplastiksorgen, hätte ich gerne eine Tonne, in die ich diese wortlos hineinwerfen kann – und weg damit. Andere Sorgen, brauchen eine thermische Verwertung – sie müssen brennen, vielleicht sogar explodieren, damit ich in eine andere Richtung denken kann. Wiederum andere Sorgen, so realisiere ich beim Nachdenken, möchte ich nicht komplett loswerden, aber mich dennoch von ihnen entlasten, in dem ich über sie rede oder schreibe, mir also einen Resonanzraum für sie schaffe. Und aus noch wieder anderen erkenne ich einen Mehrwert, zum Beispiel in dem ich eine neue Einsicht aus ihnen ziehe oder infolgedessen eine Entscheidung treffe, sie also re- oder upcycle. Die Sorgentrennung erscheint mir ein wichtiger Schritt, aber er klingt auch nach mehr Arbeit als meine Küchenabfälle zu sortieren. Und nach viel Verantwortung. Denn Sorgen, die ich thermisch verwerte oder (ungefragt) teile, können anderswo zur Last werden, besonders wenn ich sie nicht bei professionellen Dienstleister*innen wie Therapeut*innen lasse, sondern bei Personen aus meinem persönlichen Umfeld. Besonders wenn es sich um Altlasten oder mehr als haushaltsübliche Mengen handelt.

Und während ich über all diese Varianten der Sorgenentsorgung nachdenke, bleibt ein Begriff hängen, der anders klingt als Müll: Wertstoff. Darin steckt das Wort „Wert“. Auch Sorgen können ein Ausdruck von Wertschätzung sein: für Menschen, Beziehungen, Möglichkeiten, die sich verändern – und deren Wandel uns nicht gleichgültig ist. Gleichzeitig kann auch die Sorge selbst ein Wertstoff sein, wenn ich ihr Potenzial erkenne, sie anders betrachte, vielleicht sogar umnutze und aus dem vermeintlichen Ballast ein neues Material entsteht. Vielleicht können auch Sorgen als Kreisläufe begriffen werden und dass aus Manchem, was belastend war, eines Tages etwas verrückt Neues werden kann: Wie ultraleichte Fahradrahmen aus Tetrapacks, Straßenbelag aus Kaugummiresten, Ziegelsteine aus Windeln, Yogamatten aus alten Fischernetzen oder Häuser aus eingeschmolzenen Waffen. Oder etwas anderes!