Zwischen manchen Menschen entsteht ein Zauber. Eine solche Verzauberung ist etwas Besonderes, man hat sie nicht mit jeder Person. Es ist das Gefühl einer Verbindung, obwohl man sich nicht oder kaum kennt oder sich nach langer Zeit erneut kennenlernt. Eine gewisse Unbekanntheit ist die Voraussetzung für Verzauberung. Denn es ist die Spannung zwischen dem Unbekannten und gleichzeitig (gefühlt) Vertrautem, die sie bewirkt. Inzwischen gibt es viele Erkenntnisse aus der Biologie und verwandten Disziplinen, wie und warum Menschen zwischen sich etwas Magisches fühlen, eine stimmige Chemie – doch um die molekularen Details soll es hier nicht gehen. Denn es würde auf Max Webers These einzahlen, dass wir unsere Welt entzaubert haben, indem es für alles eine rationale, evidenzbasierte Erklärung gibt oder zu geben scheint. Und gerade um das Gegenteil soll es gehen: Zauber zu erleben.
Stellen wir uns zwei sich kennenlernende Personen als zwei Kreise vor, die einander tangieren. Zwischen ihnen ist der Zauber des Unbekannten, ein Staunen, die Neugier und der implizite Glaube an Gemeinsamkeiten. Verzauberung ist ein Schwebezustand, ein fühlbares Dazwischen, ein „Noch-Nicht“, Resonanz gepaart mit Widerstand und immer das Wissen, dass sie nicht ewig bleiben wird. Denn über die Verzauberung lernen die Personen sich kennen, ihre Kreise überschneiden sich, sie sind miteinander verbunden. Durch geteilte Erlebnisse und Gedanken entwickelt sich eine Schnittmenge zwischen den Kreisen, die zunehmend größer wird. Unbekanntheit schwindet, Verbundenheit nimmt zu. Gleichwohl nimmt die Verzauberung ab, die Entzauberung setzt ein.
Ist das Verblassen der Verzauberung ein Verlust, wenn er durch etwas anderes abgelöst und überlagert wird? Es gibt gute Argumente, die für die Entzauberung sprechen: Die Soziologin Eva Illouz sieht beispielsweise in der Verzauberung vor allem eine nicht erfüllbare Idealisierung von Menschen und Beziehungen, eine Verzerrung der Realität, die durch die Kulturindustrie verbreitet und gesellschaftlich internalisiert wird. Gekoppelt mit den Werten moderner Gesellschaften nach Optimierung und Effizienz mache sie die Gestaltung von Beziehungen unnötig komplex und unsicher. Auch für Hannah Arendt ist die Entzauberung erstrebenswert, ein essenzieller Prozess, der es ermöglicht, authentische Beziehungen überhaupt zu gestalten. Sie betont die Bedeutung des ‚Zwischenraums‘ in menschlichen Interaktionen, in dem Menschen sich als Handelnde begegnen. Durch die Entzauberung wird dieser Raum von Illusionen befreit, was Platz für echtes Handeln und Verantwortung schafft.
Und dennoch kann ich der Verzauberung viel abgewinnen, obgleich mir ihre Ambivalenz und die Unmöglichkeit dieses Wunsches bewusst ist. Es ist ein bisschen wie beim Klettern – dieser kurze, adrenalinerfüllte Moment, wenn man fällt und noch nicht weiß, wie tief der Fall sein wird und ob man sich möglicherweise verletzt. Wie beim Roulettespiel, wenn man hofft, auf die richtige Farbe gesetzt zu haben und dennoch darum weiß, dass das Gegenteil ebenso wahrscheinlich ist. Die Verzauberung ist immer ein Risiko, denn sie kann Enttäuschung oder Erfüllung sein. Aber sie ist nicht die Selbstverständlichkeit, Bequemlichkeit, Langeweile und das Alltägliche, die mit der Entzauberung einhergeht.
Deshalb suche ich weiter, um mit dieser Ambivalenz umzugehen und finde überraschenderweise bei Schopenhauer eine Idee. Für ihn sind Ver- und Entzauberung ein miteinander verschränktes, notwendiges Übel, das uns daran erinnert, dass wir immer auf der Suche nach Glück bleiben werden. Man kann Schopenhauer, den Pessimisten, so lesen, dass er Zauber grundsätzlich ablehnen würde als eine Illusion, die nur vorübergehend von der Sinnlosigkeit ablenkt. Gleichzeitig spielten ästhetische Erfahrungen, vor allem die Musik, eine tragende Rolle in Schopenhauers Leben und seinen Werken. Man kann also argumentieren, dass er trotz seiner Ablehnung durch ästhetische Erfahrungen den Zauber suchte, wenn auch als Mittel zur Flucht aus dem trüben Dasein und nicht um der Verzauberung selbst willen.
Vielleicht lässt sich dieser Gedanke auch auf dieses Dazwischen zwischen manchen Menschen anwenden: Verzauberung schafft eine Initialbewegung, das Anziehen ins Unbekannte, das Vorahnen eines Möglichen, das (noch) nicht da ist. Entzauberung dagegen ermöglicht Reflexion, erzwingt sogar eine Konfrontation mit dem Realen. Vielleicht liegt in diesem Spannungsfeld zwischen Ver- und Entzauberung das Potenzial für eine andere Form des Zaubers: Einer, der nicht aus einer naiven, bloßen Unwissenheit erwächst, sondern bewusst Räume des Unbekannten schafft. Eine beständige Bewegung, eine Annäherung an etwas, das sich nie ganz festhalten lässt, sich immer wieder entzieht, um erneut gesucht zu werden.