Was ist Bindung?
Zunächst ist „Bindung“ ein variables Wort: Es kann flektiert werden und existiert als Nomen, Verb und Adjektiv – Bindung, binden und, als Partizip, gebunden. Zudem kann es präfigiert werden, erhält also durch Präfixe neue oder nuancierte Bedeutungen. So bewirken die Vorsilben ver- und ent-binden, dass Antonyme des gleichen Wortstamms entstehen. Je nach Kontext entstehen zudem eher positive oder negative Konnotationen in derselben Wortbindung. So lebe ich gerne an einem Ort, der gut angebunden ist, der also über Infrastruktur ermöglicht, die mir Teilhabe am sozialen Leben ermöglicht. Bin ich jedoch durch eine Leine oder anderlei Bande an einen Ort angebunden und kann diese nicht selbstständig auflösen, kann diese Anbindung Ausschluss und eine Einschränkung meiner Freiheit bewirken. Auch im Satzbau spielen Bindungen eine Rolle, zum Beispiel in Form von Konjunktionen (aus dem Lateinischen coniunctio ‚Verbindung‘), die Satzteile miteinander verbinden. Die sprachliche Vielfalt von Bindungsworten ist ein Ausblick darauf, wie oft und vielfältig wir Verbindungen eingehen, gebunden sind oder verbindlich werden, Objekte, Menschen und Tiere los-, fest- zusammen-, an- oder abbinden. So umfassen die Bedeutungen von „Bindung“ alltägliche, metaphorische, (un)sichtbare Gegenstände, Beschaffenheiten und Relationen.
In den Naturwissenschaften beschreibt eine Bindung zum Beispiel Zustände oder Beziehungen, wie chemische Kräfte, die Atome oder Moleküle zusammenhalten. In der Quantenmechanik werden Systeme als gebunden bezeichnet, wenn Wechselwirkungen bestehen, wie zwischen Protonen und Neutronen im Atomkern. Und in unserem Körper binden sich Zellen aneinander, um zu kommunizieren, und Antikörper binden sich an Antigene, um eine Immunantwort auszulösen. Bindungen benötigen also mindestens zwei Teilchen und die Bindung ist das „Dazwischen“ – eine Kraft, eine Spannung, etwas nicht Greifbares und, auf subatomarer Ebene, häufig kaum Vorstellbares, das dennoch da ist und unsere Welt und uns zusammenhält.
Bindungen beschreiben zudem die unterschiedlichsten physischen Objekte. So gibt es unzählige Arten von Bändern, die sich in ihrer Form, Materialzusammensetzung, Dicke, Grad der Elastizität und Funktionalität unterscheiden und somit verschiedenste Verbindungen, Befestigungen oder Zusammenschlüsse ermöglichen: Ein Haargummi ist ein elastisches Band, mit dem sich Haare mehr oder weniger koordiniert zusammenfassen lassen, ein Gewebeband eignete sich wunderbar, um meinen angeknacksten Koffer zu reparieren, ein Faden verbindet die verschiedenen Teile eines Kleidungsstücks und mit einem Seil sichere ich meine Kletterpartnerin. Bindungen im physischen Sinne sind also häufig funktional und schaffen Ordnung, Struktur und Sicherheit. Trotz ihrer Sichtbarkeit sind diese Bindungen oft unsichtbar und wenig beachtet, weil sie allzu gewöhnlich sind oder zwischen dem, was sie verbinden, verschwinden.
Auch in wirtschaftlichen und rechtlichen Kontexten sind Bindungen ein häufig gebrauchter Begriff, der formale oder informelle Vereinbarungen zwischen Menschen oder Organisationen beschreibt. So manifestiert mein Arbeitsvertrag meine Verbindung mit meinem Arbeitgeber und legt gleichzeitig fest, was unsere Bindung charakterisiert – Arbeit gegen Lohnzahlungen. Meine Zugbindung determiniert, dass ich nur diesen einen, gebuchten Zug nehmen darf (es sei denn, die Bahn hält sich nicht an unseren verbindlichen Kaufvertrag und setzt diesen außer Kraft, indem sie mir erlaubt, nach einem ausgefallenen Zug ohne Zugbindung zu fahren). Zugleich können vertragliche Bindungen auch neue Zustände und Identitäten erschaffen – man denke an eine Eheschließung, bei der sich zwei Personen mit der Hoffnung, den Rest ihres Lebens miteinander zu verbringen, aneinanderbinden und damit eine neue, rechtlich bindende Beziehung eingehen. Aus juristischer Sicht ermöglichen, definieren und stabilisieren Bindungen also soziale Beziehungen. Sie ermöglichen einerseits Sicherheit und Verlässlichkeit, denn bei Nichteinhaltung kann ich mich, wenn schriftlich fixiert, auf meine Rechte beziehen und diese einfordern. Andererseits entstehen mir durch sie auch Pflichten und sie schränken Teile meiner persönlichen Freiheit ein – zum Beispiel hat mein Arbeitgeber basierend auf unserem Arbeitsvertrag an fünf Tagen der Woche einen signifikanten Einfluss auf meine Tagesgestaltung.
Zuletzt werden Bindungen begrifflich genutzt, um (komplexe) soziale Beziehungen zwischen verschiedenen Akteur*innen und Kontexten zu beschreiben und konzeptualisieren. So spricht man von Bindungen zwischen Eltern und Kindern, Geschwistern, (romantischen) Partner*innen, Gruppenmitgliedern, Menschen und Tieren, in Organisationen und professionellen Kontexten und mehr. Soziale Bindungen entstehen und leben durch Rollen und Rollenerwartungen, geteilte Werte und Normen, Rituale und symbolische Handlungen. Sie sind ein komplexes, niemals statisches und oft fragiles Geflecht, gekennzeichnet durch Ambivalenz, Asymmetrie und Abhängigkeit, die ständige Aushandlung und Anpassungen erfordern. Obgleich sie nicht sichtbar sind, bewirken sie dennoch, dass aus ihnen greifbare Konsequenzen entstehen: Sie können sich in einem handfesten Streit entladen oder in einem füreinander Einstehen, das sich in Unterstützung und Solidarität zeigt – all dies und vieles dazwischen. Soziale Bindungen sind immer ein „sowohl als auch“ und oszillieren zwischen Zuwendung und Zurückweisung, Sicherheit und Verunsicherung, Autonomie und Zugehörigkeit, Festhalten und Loslassen, Intimität und Fremdheit, Beständigkeit und Veränderung, Harmonie und Konflikt, Geben und Nehmen. Diese vielen „Dazwischen“ machen soziale Beziehungen existent, lebendig, unvorhersehbar – und spannend, um über sie zu schreiben und nachzudenken.
Genau darum soll es also in den folgenden Texten gehen: Diese Begriffs- und Bedeutungsvielfalt zu nutzen, um über physische und metaphorische Bindungen, um Bande, vielleicht auch um Banden oder eine Band, um Saiten, Seile und Schnüre nachzudenken und zu schreiben – und um das Ausprobieren von neuen Texten, Genres und Formaten. Weil diese Schreiberei ein Experiment für mich ist, freue ich mich über Feedback, Ideen, Anfänge, Mittelstücke und Enden, alltägliche und außergewöhnliche Bindungen, die in Texte ver- oder umgewandelt werden möchten.
Ich freue mich über Nachrichten an hi@hannaschreibt.de