Hier schreibt Hanna.

Die Lücke in meinem Namen

Ich trage einen Doppelnamen und zwischen diesen beiden Teilen steht ein Leerzeichen – sonst nichts. So steht es in meiner Geburtsurkunde, in denen meiner Geschwister und in den Ausweisdokumenten meiner Eltern. Im Münsterland, wo ich geboren wurde, ist diese Art der Namenskomposition nichts Außergewöhnliches: Komposita aus einem beschreibenden Wort wie „Große“ oder „Lütke“ und einem weiteren Namen waren historisch mit der Herkunft oder dem Status einer Familie verbunden. Sie waren kein Ausdruck einer Heirat, also dem Zusammenschluss zweier Familiennamen, bei dem typischerweise die beiden Namen durch einen Bindestrich zusammengefügt werden. Nein, im Falle meines Familiennamens stehen sie unverbunden hintereinander und gehören doch zusammen.

Diese Lücke zwischen meinen beiden Namen oder besser gesagt das Fehlen dieses kleinen Strichs, der ein Viertelgeviertstrich und somit der kürzeste und kleinste aller Textstriche ist, begleitet mich schon mein ganzes Leben. Ein fehlendes Komma übersieht jede*r mal, aber diese Leerstelle, sie scheint sofort ins Auge zu fallen. Es ist, als würde dieser kleine Raum zwischen meinen Namen eine Art Störfeld erzeugen – und unterschiedlichste Reaktionen hervorrufen.

In einigen Personen löst sie einen Drang nach vermeintlicher Korrektur und Herstellung einer gelernten Ordnung aus. So haben wir in der Grundschule gegenseitig Poesiealben oder Steckbriefbücher ausgefüllt – und eine Mitschülerin hat in sämtlichen Alben, in die ich mich mit meinem vollen Namen eingeschrieben hatte, nachträglich einen Bindestrich zwischen meine beiden Nachnamen eingefügt. Ich habe jeden einzelnen danach mit Tipp-Ex wieder entfernt. Auch in Zeugnissen, also offiziellen Dokumenten, und unzähligen Briefen und Emails nahmen und nehmen Menschen sich immer wieder die Freiheit, meine Nachnamen durch Bindestriche zu verbinden.

Andere Menschen scheint die Anwesenheit von zwei Nachnamen zu überfordern, einhergehend mit der Selektion eines und des Fallenlassens des anderen Namens – als ließe sich die wahrgenommene kognitive Dissonanz zweier unverbundener Nachnamen so auflösen. Meine gefühlte Statistik sagt, dass beide Namen ähnlich häufig einzeln gewählt werden. Es wirkt wie ein Zufallsprozess, bei dem die Auswahl des Namens einer Wahrscheinlichkeitsverteilung folgt, ohne dass eine eindeutige Präferenz erkennbar ist.

Eine weitere, häufig beobachtete Reaktion auf die Leerstelle zwischen meinen Namen ist die Nachfrage. Nachfragen empfinde ich grundsätzlich als weniger übergriffig, als eine eigenmächtige Veränderung meines Namens, die zudem unterstellt, ich könne diesen nicht korrekt schreiben oder einer der Namen sei weniger wert und könne ungeschrieben bleiben. Doch gehen diese Nachfragen häufig mit Vorannahmen einher. So wird mir weitaus öfter die Frage gestellt, „Warum wird dein Name ohne Bindestrich geschrieben, obwohl du verheiratet bist?“, als ein ergebnisoffenes „Warum wird dein Name ohne Bindestrich geschrieben?“. In beiden Fällen komme ich stets meinem selbst auferlegten Bildungsauftrag nach und erzähle umschweifig den im ersten Absatz dargelegten Sachverhalt. In der ersten Frage wird jedoch implizit vorausgesetzt, dass ich verheiratet sei, und zum Teil wird diese Frage nach meiner Erklärung erneut gestellt – und das in der Regel von Personen, die ich nicht gut oder nur beruflich kenne und deren Wissen über meinen Beziehungsstatus für unsere Beziehung irrelevant sind. Auch das ist unangenehm.

Doch vielleicht wird bald alles anders. Denn ab Mai 2025 wird es in Deutschland dank einer Reform des Namensrechts möglich sein, Namenskomposita frei zu gestalten – mit oder ohne Bindestrich. Wenn mehr Menschen zwei Nachnamen tragen, die durch eine Lücke verbunden sind, lernen wir vielleicht ein wenig besser, mit den vielen kleinen und großen Ungewissheiten des Lebens umzugehen, sie nicht zwanghaft auflösen zu wollen, mit unseren Freiräumen zu spielen, ohne sie sofort (mit einem gedanklichen Bindestrich) füllen zu wollen. Vielleicht bringt die kommende Reform nicht nur mehr Vielfalt für die Gestaltung von Namen, sondern macht uns als Gesellschaft ambiguitätstoleranter – offener für den Umgang mit Bindestrichen, Leerstellen und dem vielen, was in ihnen und dazwischen liegen kann.